Interview mit Henrik Johnsen

Lichter aus am Holmberg: TSV Nord Harrislee zieht seine Mannschaft zurück

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Aus aktuellen Anlass spricht Ex-TSV Nord Harrislee Coach Henrik Johnsen im „nospa Spieltags Talk“ über die Abmeldung seiner Mannschaft vom Spielbetrieb. 


Im Oktober 2019 wechselte Henrik Johnsen vom FC Wiesharde zum TSV Nord Harrislee. Mit viel Potential und hohen Ambitionen startete die Mannschaft in die Saison 2020/21. Ein Jahr später ist die Mannschaft auseinandergefallen, in der Verbandsliga stand man nach fünf Spieltagen ohne einen Punkt am Tabellenende. Jetzt haben Trainer und Mannschaft die Reißleine gezogen. Wie es es soweit kommen konnte, erzählt Henrik Johnsen in einem „nospa Spieltags Talk – Spezial“.

Donnerstagabend war klar, der TSV Nord Harrislee zieht seine Ligamannschaft mit sofortiger Wirkung aus dem Spieltbetrieb zurück. Wie kam es dazu und war es die einzige Möglichkeit? Warum hat man nicht versucht sich bis in die Winterpause zu retten?
Das ist korrekt. Wir haben uns am Donnerstag dazu entschieden, dass wir den Spielbetrieb einstellen werden. Wir hatten einfach zu viele Verletzte gehabt im Laufe der Vorbereitung und der Saison, so dass wir das nicht mehr kompensieren können. Wir hatten bei Vereinen angefragt, ob sie die Spiele verschieben können, das war von manchen Mannschaften gewollt, von anderen nicht. Das half uns aber nicht, da wir eine längere Pause brauchen, bis alle Spieler wieder zurückkommen. Es mussten Spieler spielen, die angeschlagen waren. Da haben wir jetzt als Trainer und Mannschaft entschieden, dass es am vernünftigsten ist zu sagen: Nein, wir lassen das, da einfach keine Besserung in Sicht ist. Wir haben alles versucht, um es bis zum Winter durchzuziehen, aber es sind noch zu viele Spiele bis dahin. Dass es keinen Sonderparagraphen gibt, wenn ein Verein zu viele Verletzte und keinen Unterbau hat, kann ich nicht nachvollziehen. Da übe ich auch Kritik an die Satzung aus. 

Wurden die verbliebenen Spieler in die Entscheidung mit eingebunden? Wer hat am Ende die Entscheidung getroffen?
Die Spieler wurden ganz klar in die Entscheidung mit eingebunden. Wir haben uns vor dem Training erst im Trainerteam beraten, von uns war immer gewollt, dass wir die Saison zu Ende spielen, aber im Endeffekt haben wir die Entscheidung als Mannschaft getroffen. Jeder Spieler konnte sich dazu äußern und auch wir Trainer haben unsere Meinung dazu abgegeben – mit dem Ergebnis, dass es der richtige Schritt ist.

Wie war die Stimmung innerhalb der Mannschaft in den letzten Monaten?
Menschlich ist die Mannschaft eine glatte eins mit Sternchen, das muss ich ihr hoch anrechnen. Hut ab vor der Leistung und Einstellung einiger Spieler, die dann trotz allem immer mit guter Laune und Willen zum Training und den Spielen gekommen sind. Die Stimmung dieser der Mannschaft war immer hervorragend, trotz der negativen Eindrücke, die wir in den letzten Monaten leider bekommen haben.

Vor einem Jahr hattet ihr einen starken Kader, einen brandneuen Kunstrasenplatz und hohe Ambitionen. Wie kann es sein, dass davon ein Jahr später nichts mehr übrig ist?
Zum Ende der abgebrochenen Saison haben uns viele Leistungsträger verlassen, auch einige sehr überraschend. Wenn du erst Mitte/Ende Mai erfährst, dass sie uns verlassen, ist es auch sehr schwierig was Neues zu holen, weil die Personalplanung da eigentlich abgeschlossen ist. Das neue Wege eingeschlagen werden finde ich auch richtig, aber Zusage ist Zusage. Ich wünsche trotzdem allen Spielern, die gegangen sind, nur das Beste. Die sportliche Entwicklung für den einzelnen ist ja auch ganz gut geworden, glaube ich.
Mit den Abgängen fing es halt an, auch wenn es nicht der Hauptgrund ist. Die Verletztenliste wurde einfach länger und länger und man konnte nicht dagegen steuern. 

Es gab so viele Unruhen in den letzten Monaten. Konnte man sich überhaupt noch auf ein vernünftiges Training und Spielvorbereitung konzentrieren?
Ja, es gab viele Unruhen. Es gab viel von außerhalb, aber auch innerhalb des Vereines und des Funktionsteams, dass da halt sehr viel Negatives geflossen ist. Ein vernünftiges Training konntest du eigentlich nie absolvieren, weil wir immer viele Verletzte hatten. Ich konnte nie in voller Mannschaftsstärke trainieren oder ein Spiel machen. Aber die Trainingsvorbereitung war bei mir als Trainer trotzdem die selbe und auch wurde auch mit 100% durchgezogen. 

Offiziell dementierte man alle Gerüchte. Welche Rolle hat das Umfeld und die Verantwortlichen des Vereins bei dem Zerfall der Mannschaft gespielt?
Den gleichen Anteil wie alle anderen auch. Ich will niemanden für irgendwas verantwortlich machen. Wir haben immer von einem „Wir-Gefühl“ geredet und da startet und beendet man sowas zusammen.

Auch du warst von dem ganzen Chaos betroffen. Du solltest ersetzt werden, dann kam die Rolle rückwärts. Warum hast du trotzdem als Trainer weitergemacht?
Ich bin ja mit der Perspektive nach Harrislee gekommen, dass wir oben angreifen wollen und das ich mich als Trainer weiterentwickeln kann. In einer gewissen Form habe ich mich auch weiterentwickelt, weil ich einfach gemerkt habe, wie es als Trainer in so einer schwierigen Situation ist, auch für die Psyche und wie schwierig es mental ist. Es ist zwar nur mein „Hobby“, aber man beschäftigt sich doch immer wieder damit. 
Ich habe weitergemacht, weil ich den Glauben an diese Mannschaft nie verloren habe. Den habe ich damals nicht verloren, als manche sagten, dass sie gehen werden – aber 18 sind auch geblieben. Dann haben wir noch welche dazubekommen, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben. Und dieses Vertrauen wollte ich einfach wiedergeben und mit der Mannschaft arbeiten. Das hat mir einfach unheimlich viel Spaß gebracht. Das es dann so endet, ist dann natürlich für einen persönlich sehr, sehr schade. Aber für jeden einzelnen Spieler dieser Mannschaft auch. 

Wenn du alleine entschieden hättest, hättest du die Saison durchgespielt? Auch mit dem Wissen, dass man womöglich mit null Punkten hätte absteigen können?
Ich hätte gerne weitergespielt, ich glaube das hätten wir alle gerne. Aber es war die vernünftigste Entscheidung zu sagen, nein wir spielen nicht weiter. Es gab viele Lösungsansätze und Ideen, die wir versucht haben. Aber man muss irgendwann auch mal sehen, wenn du keine Lösungen mehr hast, sind dir auch die Hände gebunden. Dann muss man auch mal die Kirche im Dorf lassen und sagen, Fußball ist nur ein Hobby und bis dahin und nicht weiter. Man kann sich einfach nicht erlauben, dass man durch sein Hobby ein/zwei Wochen bei der Arbeit ausfällt. 

Der TSV Nord steht jetzt als erster Absteiger fest. Glaubst du daran, dass es dem Verein gelingen wird, eine neue Mannschaft für die Kreisliga auf die Beine zu stellen?
Es wird schwierig da was aufzubauen. Man wäre aber immer noch eine erste Mannschaft, das ist immer noch ganz ambitioniert. Ich bin sehr gespannt, wie es dort weitergeht. 

Wurde deiner Meinung nach die Fußballsparte von Vereinsseite im Stich gelassen und sich zu sehr auf die erfolgreichen Handballerinnen konzentriert?
Wenn du nach Harrislee gehst, dann weißt du, dass der Handball im Fokus steht. Das weiß man vorher, da braucht man im Nachhinein auch nicht gegentreten.

Was sind nun deine Pläne für die neue Saison? Würdest du gerne eine neue Mannschaft übernehmen oder wärst du bei einem Neuanfang in der Kreisliga mit dabei?
Ich würde gerne mit den Jungs weiterarbeiten. Wir haben das gestern auch besprochen, dass es mega schön wäre, wenn man noch mal wieder zusammenspielen würde oder ein Großteil in einem anderen Verein zusammenbleibt. 
Ob ich bei einem Neuanfang in der Kreisliga dabei wäre? Das würde ich zum jetzigen Zeitpunkt dementieren. Dafür ist in den letzten Monaten so viel Negatives geflossen, dass man sich auch leider nur an das Negative erinnert. Ich weiß es einfach nicht.
Ich bin sehr stolz darauf, dass ich Trainer dieser Mannschaft sein durfte und bin jedem einzelnen dankbar, für das Vertrauen, dass er mir geschenkt hat. Ich habe jetzt auch von vielen die Rückmeldung bekommen, dass ich einen sehr guten Job gemacht habe. Nur ich sag mal, wenn man nach fünf Spieltagen Letzter ist, dann ist es  kein guter Job. Aber bei den Möglichkeiten die wir hatten, das haben mir auch viele Kollegen gesagt, haben wir das Beste draus gemacht. 

Natürlich gab es auch gute Zeiten. Was hältst du gerne in Erinnerung an deiner Nord-Zeit? Gibt es ein Spiel, an das du besonders gerne zurück denkst?
Natürlich gab es gute Zeiten, am Anfang die legendären Kabinenpartys, durch Corona waren es ja nicht so viele. 
Der Sieg bei Nordau oder der Heimsieg gegen Tarp-Oeversee waren schön. Aber auch die besonderen Abende mit der Mannschaft und die mannschaftliche Geschlossenheit fand ich sehr schön, die war schon sehr beeindruckend. 






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